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Lustig, wie leicht man als Rapper doch Symapthiepunkte sammeln kann. Wenn Bushido mit der Unterstützung von Eko Fresh gegen Aggro-Berlin-MC Fler und sein Fahnen-Kasperletheater battelt, dann macht das einfach nicht nur wahnsinnig Laune, sondern auch Sinn. "Untergrund" ist einer der Höhepunkte dieser Platte, die für Bushido einen Quantensprung bedeutet: War der Vorgänger "Electro Ghetto" eigentlich nichts weiter als ein eher irritierendes Zeugnis zielloser Agressivität, so ist "Staatsfeind Nr. 1" zwar gewohnt deftig und polternd, aber streckenweise erstaunlich facettenreich. Und dann ist da natürlich noch die Sache mit der Authenzität.

"Mein Zellennachbar wurde gestern in den Arsch gefickt." Zumindest in Sachen Verarbeitungsmasse hat sich der Aufenthalt Bushidos in einem österreichischen Gefängnis durchaus gelohnt. Als erster deutscher HipHopper funktioniert er jetzt nicht nur über die große Klappe, sondern auch über die Tat. Das ist einerseits extrem bedenklich, andererseits für Bushido durchaus eine Chance, die er zu nutzen scheint. Über weite Strecken der Platte hat man den Eindruck, er habe einen Gang heruntergeschaltet. Die Grenzen zwischen Aggresivität als Kunstform, zwischen Bushido als Darsteller und Erzähler und der realen Person werden klarer gezogen. Natürlich ist da noch dieses Battle-Ding, und die Ausdrucksweise des Berliners ist dabei größtenteils extrem problematisch. Homophob, respektlos, gewaltbereit. Und ob man Rivalen unbedingt als "behindert" und "geistig zurückgeblieben" abdissen muss, ist eben auch eine Frage. Andererseits hat man sich daran gewöhnt, dass HipHop 2005 so funktioniert und spannender als die Mittelstandsvariante der 90er-Jahre ist - weil er eben einfach näher an der Straße, und damit näher am eigenen Ursprung ist.

Gleichzeitig hat Bushido erkannt, dass auch die Ruhe, der Gedanke und das Eingeständnis einer eigenen Schwäche kreativer Nährboden sein kann. So funktionieren "Engel" und "Augenblick" als nachdenklicher Seelenstriptease - und wenn Casandra Steen in "Bis wir uns wiedersehen" abermals die Soul-Lady gibt, dürfte sogar die R'n'B-Jugend steil gehen. Und: In diesesn Songs findet Bushido tatsächlich zu dem Schluss, dass auch andere Frauen als Mama etwas wert sein können.

"Staatsfeind Nr.1" dürfte so etwas wie eine Wachablösung im deutschen HipHop sein. Bushido positioniert sich zusammen mit Kampfgenossen wie Saad und Chazuka an der Spitze. Seine Beats sind düster, aber dick, seine Raps tighter als zuletzt. Was halt immer noch nervt, ist die sexuelle Überfixierung einiger Songs, ist die wirklich plumpe Herumpolterei. Die Battle-Kultur in allen Ehren - aber wenn Bushido so weitermacht, wird er zur Eigenreferenz, zur Wiederholungsmaschine, zum Genreklischee - und das wäre schade, denn "Staatsfeind Nr. 1" zeigt, dass massig Talent vorhanden ist.
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